Wie es mir geht? Erinnerung, das ist so wie:
auf dem Weg nach Hause suche ich nach meinem Schlüssel - und er ist weg! Ich komme einfach nicht rein, schon für die Haustür brauche ich einen und für meine Wohnung. Oder - es ist so, wie als ob ich mit schweren Einkaufstaschen beladen mich in einen Treppenaufgang gesetzt hätte. Bin dann eingeschlafen, die Leute stiegen an mir vorbei und bestimmt hat jemand gesagt: na, was ist denn das für eine, dass sde hier schlafen kann!
Dann bin ich aufgewacht, und der Schmerz erdrückt mich:
sie will nichts von mir wissen. Hat den Kontakt zu mir komplett abgebrochen. Wie oft ist mir das schon passiert... da war eine gute Freundin, für mich eine Mutter und grosse Schwester, ich konnte bei ihr unterkriechen und mich geborgen fühlen. Alles konnte ich ihr anvertrauen, habe ich gedacht. Dann bin ich aufgewacht.
Wieder habe ich meinen wichtigsten Mensch verloren.
Denk einmal... ich habe ihr einen langen Brief geschrieben. Zwei Jahre ist es her, dass die sich verpisst hat. Ich hatte soviele Betreuer, nie hatte ich einer davon geschrieben.
Nur ihr. Zum Geburtstag hat sie eine Karte von mir bekommen, auch vor zwei Jahren; sie hat nichts von sich hören lassen, kein Danke, nichts.
Voll die Mühe von mir, nichts kommt von ihr zurück.    
 Sechs Jahre war sie meine Begleiterin, meine ehemalige Punkt Punkt Punkt jetzt pfeift sie auf mich. Ich habe nicht mal so sehr um meinen Vater getrauert wie um sie, die  "aus meinem Leben geschieden" ist, am Tag X, als mich der Schmerz erdrosselte. Ausser meinem Vater gab es nur meinen Opa, das war alle Familie für mich, aber die hatte ich ja gar nicht, auch er war schon tot und ich hab ihn nie kennengelernt.
Sag, was kann schöner sein - überall höre ich von solchen, denen es schlimmer geht; werden verstümmelt oder verlieren alles, was sie haben, alle Menschen. Wer einen andern umbringt oder schlägt, muss krank im Gehirn sein.
 
Geburtstag, ja, meinen eigenen hätte ich gerne gefeiert. Nur einmal. Aber jetzt ist der Schmerz wieder da, genauso, als ob ich nass und halb totgefroren auf der Treppe aufgewacht wäre.
Wollte einmal ein Fest haben, die Talker-Leute einladen und auch Nichtbehinderte -
und wen habe ich, was habe ich denn?
Trost, ja, "Du schaffst das schon" - wer weiss denn schon von mir? Auf der Arbeit sitze ich in der Werkstatt herum, es gibt keine Arbeit für mich, keine Freunde, meine einzige Bezugsperson ist weg. Es gibt keine Selbsthilfegruppe für meinen Fall und meine Lage.
Bekannte hatte ich noch nie, woher auch?
 Mit wem bitte soll ich mich austauschen? Wer gibt mir den Schlüssel, den verdammten Schlüssel, damit ich nicht durchdrehe?
Wer lässt meine zerstörte Seele - zu sich?
Sie will zu einem andern Menschen, nach dem Tag X, als mein Leben zerbrach.
Das waren heftige Jahre, als sie gegangen war.
 
Wieso lebt man? Wofür?
Ich will nicht auf der Treppe schlafen, ich will ins Haus.

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