Mein Name ist
Fikria Aabbaz, ich bin 31 Jahre alt und gebürtige Marokkanerin.  Fast mein ganzes Leben habe ich allerdings in
Deutschland gelebt.

 

Seit ich zwei
Jahre alt bin, habe ich infolge der schweren Nervenkrankheit Herpes
Encephalitis, die ich hatte, eine Sprachbehinderung. Ich kann tatsächlich nur
mittels eines speziellen Computers mit anderen Leuten kommunizieren, oder über
bestimmte Computersoftwares,  oder
einfach schriftlich mit meinem PC, meinem Laptop oder mit meinem Handy.

 

In diesem Beitrag
möchte ich versuchen, deutlich zu erklären, wie es ist, im Alltag, in den
unterschiedlichen Alltagssituationen, mit einer Sprachbehinderung zu leben,
ganz besonders wenn man wie in meinem Fall fühlt, wirklich vieles zu
kommunizieren zu haben.

 

Der Alltag ist
meistens voll Hindernisse und es sind leider die Menschen, nicht alle, aber
viele, die auf unseren Weg diese Hindernisse stellen.  Die Menschen nehmen sich leider nicht oder
nicht gern die Zeit, uns geduldig zuzuhören mit der Folge, dass wir vieles, was
wir gerne kommunizieren würden, dann in uns reinschlucken müssen. Dabei steigt
in uns oft eine innere Wut, man wird mehr und mehr überempfindlich bis man
irgendwann wie ein Vulkan plötzlich explodiert.

 

Noch etwas was
uns meistens wütend stimmt, ist dass wir – da wir leider nicht richtig sprechen
können - sehr leicht schlechthin auch als Personen gehalten werden, die auch
wenig verstehen können.   Bei der Arbeit
werden wir daher völlig unterfordert, es werden uns einfach nur babyleichte
Aufgaben erteilt.  Elf Jahre lang habe
ich zum Beispiel in einer Werkstatt gearbeitet, wo ich und andere Personen mit
Behinderung aber einfach nur da saßen, nutzlos, stundenlang.   Meine einzige Motivation im Laufe dieser
langen Zeit, täglich zur Werkstatt zu gehen, waren meine „Talker-Stunden“, das
heißt die Stunden, die ich jedes Mal zweimal in der Woche gab, mittwochs und
donnerstags von 10 Uhr bis 11 Uhr.  In
diesen zwei Stunden brachte ich nämlich anderen Talker-Nutzern die Benutzung
des Talkers bei, damit sich ihre Kommunikationsmöglichkeiten bessern
konnten.   Aber auch diese Aufgabe, die
mir immer größte Freude bereitete, musste ich mir lange erkämpfen, bis mir
eines Tages von der Werkstattdirektion verboten wurde, diese Stunden zu halten.
Einmal wollte man mich so bestrafen, weil ich mehrmals spät zur Werkstatt
gekommen war. Das kam aber in den ersten Jahren vor, dann mussten meine Chefs
in der Werkstatt feststellen, dass ich mir ein solcher Verbot nicht gefallen
ließ.  Ich kämpfte hart um das Recht, das
jede einzelne Person haben soll, sich zu äußern, mitzureden, egal mit oder ohne
Sprachbehinderung.

 

Am schlimmsten
war es, da wir die ganze Zeit in der Werkstatt einfach nichts zu tun hatten und
nur da rum saßen. Es gab keine Aufträge mehr, wurde uns gesagt.  Ich hätte viele Ideen gehabt, aber meine
Leiter dort hatten für meine Ideen nie ein offenes Ohr und zeigten sich nicht
offen für Neues.  Die warteten eher nur
passiv und hatten – so habe ich es zumindest immer empfunden - keine Lust und
Motivation, uns zu unterstützen.  Gerade
da, bei diesen Situationen war ich, waren wir eigentlich alle, sehr
frustriert.  Die Zeit verging einfach
nicht, man hatte das Gefühl, die Uhr würde ständig zurück gedreht, die Zeit
bliebe still. Es war uns peinlich zu empfinden, dass uns unser Gehalt einfach
nur für die reine Anwesenheit gegeben wurde und nicht für die Erledigung einer
motivierenden und kreativen Aufgabe, die wir auch gern erfüllt hätten, hätten
wir nur die Chance gehabt, auch mal mitzureden.
Unser Gehalt war einfach pures „Schmerzengeld“.  Alles andere, wie zum Beispiel wir uns dabei
fühlten, war unseren Leitern offensichtlich nicht wichtig.   Echt schade, da die Leiter sich selbst auf
diese Weise tierisch langweilten.

 

 

Diese Zeit ist
für mich jetzt vorbei, irgendwann hat man mich aus der Werkstatt rausgeschmiessen,
weil ich ab einem bestimmten Tag aufgehört hatte, dort einfach zu
erscheinen.  Seitdem bin ich leider
arbeitslos, obwohl ich so gerne einen wahren Job, oder ein Praktikum oder auch
eine ehrenamtliche Tätigkeit möglicherweise im Bereich der Unterstützten
Kommunikation, am liebsten bei Kindern ausüben würde.

 

Seit meine
Kündigung bin ich eben ständig auf der Suche nach einem Job gewesen, oder nach
einem Praktikum, zum Beispiel gern bei Kindergärten,Schulen da ich eben so gern Kinder
mag. Auch einfach ehrenamtliche Aufgaben habe ich mir gesucht, aber immer vergebens.   Man bekommt, wenn dann, einfach nur Absagen,
worüber man leicht aus Frust nur durchdrehen kann.   Ich bekomme dabei ein Gefühl, fast
wahnsinnig zu werden, will nicht einmal Geld und nur weil ich eine Behinderung
habe, die mich übrigens nur beim Reden beeinträchtigt - nicht aber beim
Arbeiten in vielen anderen Bereichen - denkt man schnell über mich:  „Die kann nicht sprechen, die kann höchstens
nur durch den Power-Talker“ sprechen, darum kann sie nichts tun, kann nichts
für unsere Firma leisten!“.

 

Daran zerbricht
meine Seele, es ist ein wahres Trauma für mich, ich kann niemals damit
zurechtkommen. Denn das fügt sich anderen Traumatas hinzu, die ich im Laufe
meines ganzen Lebens zu leiden hatte.

 

Ich bin jetzt 31
Jahre alt und leide immer noch an vielen Situationen meiner Vergangenheit,
meiner Kindheit und Jugendzeit.  Seit
immer leide ich an Einsamkeit, was mit der Zeit eher immer heftiger geworden ist,
denn dabei hat sich eine starke Depression hinzugefügt und entwickelt.  Ich konnte insbesondere wegen meiner
Sprachbehinderung nie im Leben wahre Freunde haben, weil man sich unterwegs
nicht leicht mit dem Power-Talker unterhalten kann. Den habe ich ja übrigens sogar
auch nicht immer dabei, denn er ist zum Beispiel beim Regen leicht zerbrechlich
und einen neuen Power-Talker könnte ich mir ganz sicher nicht mehr leisten! Der
Power-Talker ist mein eins und alles!

 

Oder wenn es zum
Beispiel zu starkes Sonnenlicht gibt, kann ich den Power-Talker auch nicht
leicht benutzen, denn man sieht da nicht mehr klar den Bildschirm, ich vertippe
mich leicht und alles wird sofort deutlich kompliziert.  Und natürlich auch zum Sport kann ich ganz
sicher meinen Power-Talker nicht mitnehmen, nicht zum Schwimmen, nicht zum
Joggen, nicht zu meinem beliebten Fahrrad fahren. An diesen Situationen kann
ich ganz sicher meinen Power-Talker, der übrigens auch deutlich wiegt, nicht dabei
haben.

 

Oder, wie es
einmal vorkam – ich war bei der Gelegenheit in der Stadtbibliothek – hat man
mir einfach gesagt, ich solle meinen Power-Talker ausstellen.  Hier im folgenden – wie ich in meiner
Webseite schon berichtet habe, die Geschichte von jenem Tag und mein Stolz
darauf, dass ich an dem Tag etwas gemacht habe, was ich nie gedacht hätte, ich wäre
in der Lage zu tun.   Ich habe mich
einfach beim Geschäftsführer beschwert und habe dort endlich mal auch ein
offenes Ohr gefunden.

 

Es war so: Ich
hatte mich, so etwa vor zwei oder drei Jahren, in der Stadtbibliothek in meiner
Stadt mit einer Frau zusammen getroffen, die mich zum Thema Integrationshilfe
interviewen wollte.  Und klar, auf die
Fragen meiner Interviewerin konnte ich nur mit Hilfe des Power-Talkers
antworten, übrigens mit ganz normaler Lautstärke.

 

Sofort kam eine
Mitarbeiterin der Bibliothek zu uns und forderte mich auf, die Lautstärke
leiser zu stellen, was ich auch gemacht habe. Da kam sie aber sofort wieder und
obwohl mein Power-Talker nunmehr so leise war, dass ich ihn kaum mehr hören
konnte, sagte sie mir noch einmal, ich hätte den Power-Talker einfach noch
leiser zu stellen.  Dabei waren andere
Personen, die sich im Saal unterhielten und hin und her liefen viel lauter als
mein Talker, was anscheinend aber für dieselbe Mitarbeiterin dagegen in Ordnung
war.

 

Was ich bei der
Situation auch völlig unerträglich und schmerzhaft fand, ist dass nicht ich
direkt angesprochen wurde sonder meine Interviewerin, als sei ich für eine
Person gehalten, die nichts verstehen kann.
Da die Bibliothekmitarbeiterin nicht weniger als fünf, sechs Mal zu uns
gekommen war uns auffordernd, den Power-Talker immer leiser zu stellen, und obwohl
der Interview eigentlich noch nicht zu Ende war, sagte meine Interviewerin
irgendwann, dass wir fertig seien und dass wir gehen würden. Für mich was dabei
wirklich die Grenze überschritten, ich wollte sofort klar machen, dass ich mir
das nicht länger gefallen lassen wollte.
Ich wollte sofort deutlich klar machen, dass jeder das volle Recht hat,
zu reden, ganz egal ob mit oder ohne Sprachbehinderung. Und dass ich volles
Recht habe, mithilfe der Unterstützten Kommunikation, also des Talkers, zu
reden. Mir war klar, dass für die Stadtbibliothekmitarbeiterin die Situation
ungewohnt war, sicher hatte sie niemals zuvor einen Talker gesehen, womöglich
hatte sie einfach auch einen schlechten Tag, dass hieß aber noch lange nicht,
dass das ein Grund gewesen wäre, mir das Reden zu verbieten. Und folgendes tat
ich daher, sobald ich mit meiner Interviewerin das Gebäude verlassen hatte. Ich
ging wieder zum Bibliothekgebäude zurück, speicherte schnell in meinem
Power-Talker einen Text hinein, ging wieder an die Rezeption, wo ich einen
Angestellten dort so etwa wie folgt ansprach:

 

„Hallo! Wo finde
ich hier den Geschäftsführer? Ich will mich sofort beschweren, weil eine
Mitarbeiterin, eine Ihrer Kolleginnen, mich immer wieder aufgefordert hat, mein
für mich notwendiges Sprachgerät leiser zu stellen, obwohl es schon sehr leise
war. Gleichzeitig hatte sich aber dieselbe Mitarbeiterin nicht beschwert, als
andere Leute sich im Saal laut unterhielten!“.

 

Bei meiner
unerwarteten und energischen Beschwerde hatte der Mitarbeiter, an den ich mich
gewandt hatte, erstmals geschluckt, ihm war die Situation sichtbar unangenehm.
Er rief allerdings sofort den Geschäftsführer an, der auch plötzlich vor mir
erschien.

 

Der
Geschäftsführer war sehr nett zu mir, lud mich in sein Büro ein und ließ mich zu
Ende reden und ausführlich erzählen, was mich so gestört hatte. Er zeigte sich
selber gewundert, konnte selber auch nicht verstehen, wieso sich die Mitarbeiterin
so unfreundlich gezeigt hatte, da - nach seinen Worten - die Stadtbibliothek
großen Wert darauf läge, dass auch Personen mit Behinderung, egal welcher Art, sich
dort wohl fühlen, wie etwa im Falle vom Rollsuhlgerechte Aufzug, oder von der
Lesung für Gehörlose, etc..  Der
Geschäftsführer selbst hat sich bei mir entschuldigt und mir wiederholt, dass
das Verhalten der Mitarbeiterin nicht Ordnung gewesen war, und dass er noch am
selben Tag mit ihr darüber sprechen würde. Dieses Gespräch mit dem
Geschäftsführer der Stadtbibliothek fand ich toll, er stellte mich am Ende sogar
auch Fragen über das Funktionieren des Power-Talkes, eines Geräts, das er nie
zuvor gesehen hatte, interessierte sich für meine Situation. Das fand ich
schön.

 

Das hatte mir
echt viel Mut gekostet, mich zu beschweren, aber am Ende war ich stolz auf
mich. Davor war ich eher bei solchen Situationen verschlossen geblieben, hatte
immer eher meinen Frust in mich hineingeschluckt und war gelegentlich innerlich
sehr wütend geworden.   Jetzt nicht mehr,
jetzt rede ich auch fremde Leute an, äußere einfach, was ich jeweils
kommunizieren will.

 

Das ist ein
Zeichen, dass ich große Fortschritte gemacht habe und immer noch Tag nach Tag
mache.  Seit ich zum Beispiel ehrenamtlich
meine Talker-Schüler bei der Unterstützten Kommunikation helfe, sage ich auch ihnen
immer wieder, dass sie Mut haben sollen, dass sie sich nie gefallen lassen
müssen, von jemandem das Reden zu verbieten.

 

Es lohnt sich
immer, sofort zu sagen, was einen stört, denn jeder hat das Recht, sich zu
äußern und mitzureden. Nicht wir mit Unterstützter Kommunikation sind nicht in
Ordnung, sondern das Verhalten etwa jener Stadtbibliothekmitarbeiterin an dem
erwähnten Tag zumindest.    Fakt ist,
dass ich mir niemals mehr von wem auch immer das Reden verbieten lasse!

 

Leider haben wir
Menschen mit Behinderung im Allgemeinen immer noch zu viele Barrieren und
Hindernisse.   Menschen,
die nicht sprechen, sehen oder sich nur eingeschränkt bewegen können. haben es immer
noch sehr schwer, sie werden oft ausgegrenzt!! Überall treffen wir auf
Hindernisse, immer noch, trotz langer Reden zum Thema Inklusion.

 

Ich möchte gern ein
Beispiel hinzu erwähnen, was ich meine.  Einmal, es war letztes Jahr 2014, hat das
Studio eines Nationalen Fernsehsenders in Hamburg den Verein „evkirche-essen“
zu einer Sendung eingeladen. Thema war die Politik der Inklusion, da sich das
Bundesreferat des Evangelischen Kirchenkreises meiner Stadt so für eine aktive
Teilhabe am Leben seitens von uns Behinderten setzt.  Darum hat der genannte Verein auch mich
gefragt, ob ich gerne zum Fernsehstudio in Hamburg kommen wollte. Ich habe
sofort ja gesagt, da das Thema Politik der Inklusion mich so interessiert. Gute
neun Stunden lang sind wir dann nach Hamburg gereist, denn am jenem Tag war offensichtlich
auf der Autobahn einfach nur ein Stau nach dem anderen.

 

Wo wir dann
endlich im Hotel angekommen waren, hatten wir kaum noch zehn Minuten und uns
umzuziehen, uns fertig zu machen und ein bisschen schick für die Fernsehsendung
anzuziehen. Und so gingen wir schnell zum Fernsehstudio. Als wir aber beim
Studio ankamen mussten wir sofort alles ablegen, was wir dabei hatten: in
meinem Fall: Tasche, Jacke und was noch schlimmer war, wollten sie auch meinen
Power-Talker in Empfang nehmen und mir nicht erlauben, ihn in die Sendung
mitzunehmen.  Und das obwohl die Frau des
ev-Vereins, mit der ich dort, war mehrmals klar und deutlich erklärt hatte,
dass ich solches Gerät unbedingt bei mir brauchte zum Reden. Am Ende einer
langen Diskussion wurde mir nur unter der Bedingung erlaubt, den Power-Talker
bei mir in der Sendung zu haben, dass ich das Gerät ausgeschaltet lasse und es
irgendwie versteckt halte.  Ich konnte es
kaum glauben: man wurde zu einer Sendung zum Thema Inklusion eingeladen und
einem wurde nicht erlaubt, gerade das Gerät bei sich zu haben und zu benutzen,
das einen ermöglicht, sich zu äußern und die eigene Meinung zu sagen. Na ja!
Tolle Inklusion!!! Dachte ich in mir.
Ich hatte bei der Gelegenheit so gern vorgehabt, mich bei der Diskussion
zu melden, etwas aus eigener alltäglichen Erfahrung gerade zum Thema Inklusion
zu berichten, aber die Chance bekam ich bei jener Sendung ganz sicher nicht.
Mir wurde faktisch verboten zu reden.   Ich
bereue heute noch, dass ich bei der so frustrierenden Gelegenheit nicht einfach
den Power-Talker   eingeschaltet habe und
mich zu Wort gemeldet habe und einfach meine Meinung zum Thema gesagt
habe.  Alle anderen Zuschauer durften sich
ja auch melden, haben das auch getan.

 

Nur ich durfte
das nicht tun, denn dazu hätte ich unbedingt den Power-Talker gebraucht, warum
hatte ich sonst das Gerät nach Hamburg mitgenommen? Einfach nur so, um es
ausgeschaltet zu lassen?!!   Das war eine
Situation, die mich vollkommen enttäuschte, die ich als ungerecht und
demütigend empfand. Sorry! Jeder hat das Recht zu reden, egal wie.  Hätte ich gewusst, dass mein Talker draußen
bleiben musste, wäre ich ganz sicher nicht nach Hamburg gefahren und in jenes
Studio getreten.

 

Als ich am
folgenden Tag zurück nach Essen fuhr, hatte ich zuerst einmal vorgehabt, mich
schriftlich beim Fernsehsender zu beschweren, habe ich dann nicht getan.

 

Oder es gibt noch
eine Episode, die ich gern erwähnen möchte: Ich war mit meinem Betreuer im Kino
und hatte meinen Talker dabei. Plötzlich kam ein Mitarbeiter zu mir und fragte
mich, was das für ein Gerät sei. Der hatte gedacht, ich nähme mit meinem Talker
sogar den Film auf (Hihihi!). Mein Betreuer erklärte wieso ich so für ein Gerät
bei mir haben musste und der Mitarbeiter sagte „Dann ist ja alles OK!“ und ging
weg.

 

Infolge meiner
Sprachbehinderung und der dazu verbundenen Schüchternheit hatte ich mein Leben
lang keine richtigen Freunde. Ich weiß, es gibt ja jetzt das Internet, die
digitale Welt, durch die man auch versuchen kann, Kontakte zu finden. Ich habe
jetzt auch ein paar Schreibfreunde gefunden, mit denen ich allerdings nur
schreiben kann. Im wahren Leben habe ich leider noch nie einen Freund oder eine
Freundin gefunden, mit denen ich mich treffen kann oder etwas unternehmen kann.


 

Teilweise gibt es
das Risiko, dass man im Internet Personen findet, die etwa nur sehr
oberflächliche wenn nicht sogar kranke Wünsche äußern, an denen ich gar nicht
interessiert bin und ich glaube jeder versteht, was ich meine…

 

Andererseits gibt
es auch eine Menge Personen, für die meine Behinderung ein nicht überwindbarer
Hindernis darstellt, einfach ein Problem, mit dem sie nicht zu tun haben
möchten. Es ist mir schon mal etwa vor ein paar Jahren vorgekommen, dass ich
mich mit einem damaligen Schreibfreund getroffen habe und sobald er mich
angesehen hat, kam er mit meiner Behinderung nicht klar und seit damals wollte
er einfach keinen Kontakt mehr.  Das,
weil das durch den Talker zu reden ganz anders ist, als normal zu
sprechen.  Alles geht viel langsamer vor,
es dauert relativ lange, bevor ich etwa eine Meinung oder eine Bemerkung
geäußert habe, was einer Gegenseite leider leicht etwas Langeweile verursacht.   Darum komme ich im Allgemeinen beim
Kommunizieren via E-Mail besser an, denn dabei habe ich alle Zeit der Welt und
keiner redet dazwischen und die Kommunikation ist im Allgemeinen viel weniger
kompliziert.  Darum versuche ich immer,
wenn ich mit anderen Leuten rede, meine Bemerkungen stichwortartig oder sehr
kurz zu halten, damit meine Gegenseite keine Langeweile bekommt.

 

Dabei erinnere
ich mich noch an andere Episoden. Vor etwa acht Jahren habe ich, versucht den
Hauptschulabschluss zu erzielen. Bei der Schule dort war ich willkommen, auch
mit meinem Talker. Nur gab es immer ein Problem: Der jeweilige Lehrer stellte
eine Frage, ich hatte die Antwort auch gewusst, habe auch möglichst schnell
versucht, die richtige Antwort in meinen Talker einzugeben. Aber die anderen
Mitschülern waren immer noch viel schneller als ich.  Und da hatte ich also alles umsonst so
schnell in meinen Talker eingefügt.  Da
passierte immer wieder, dass ich einfach zu langsam sein musste. Und wenn ich
auch bereit war, selber eine Antwort zu geben, hat es immer den einen oder den
anderen gegeben, der sich dann vor mir zur Antwort gemeldet hat.    Oder das Problem beim Vorlesen: Jeder
sollte etwas vorlesen, ich habe dann auch immer versucht möglichst schnell den
Text in meinen Talker zu schreiben und wenn ich dann dran gewesen war, haben die
Lehrer immer jemand anderen gefragt weiter zu lesen, was für mich äußerst
enttäuschend und frustrierend war.

 

Allmählich habe
ich also angefangen, immer wo die anderen einen Text vorlasen diesen nicht mehr
in meinen Talker zu schreiben. Und langsam habe ich auch einfach vorgezogen,
das Ziel des Hauptschulabschlusses einfach zu vergessen und völlig zu
vernachlässigen, da mir da einfach keine wahre Chance gegeben wurde, wie allen
anderen auch zu lernen und mitzureden.

 

Vor kurzem, vor
einigen Monaten, bin ich nach sehr langer Zeit wieder nach Marokko geflogen.
Dabei hatte ich auch meine große Schwierigkeiten mit der Kommunikation. Erstens
gab es mit der Fluggesellschaft ein ständiges hin und her. Die wollte nicht
erlauben, dass ich meinen Talker beim Flug mitnehme, weil man sich mit einem
solchen Gerät nicht auskannte und hatte sogar Angst das Gerät könnte den
Bordcomputer stören. Aber Handy, oder Laptops darf man doch beim Flug bei sich
haben, wieso mein Talker nicht, der eigentlich ein Computer ist ?   Aber mein Arzt hat dann ein Schreiben
verfasst, in dem er die Funktion des Talkers klar erklärt hat und den Grund
warum ich den Talker immer bei mir haben muss. Durch dieses Schreiben habe ich
endlich das OK der Fluggesellschaft bekommen.

 

Was mich am meisten
sehr Leid tut und große Probleme bereitet, ist dass es so viele Programme, so
viele Softwares in englischer oder in französischer Sprache gibt, keinen
einzigen aber, der mir hilft, mich in meiner Muttersprache zu äußern. Meine
Muttersprache, die die Berbische Tarifitsprache ist, ist auch die einzige
Sprache, in der ich mich mit meiner eigenen Mutter und mit meinen
Familienangehörigen in Marokko unterhalten könnte.  Aber ein Software, der Texte automatisch vom
Deutsch ins Tarifit übersetzt und sie dann auf Tarifit vorliest gibt es leider
nicht. Ich habe es überall im Internet gesucht, vergebens.  Und so kann ich mich nicht einmal mit meiner
Familie unterhalten. Meine Mutter kann zum Beispiel kein Deutsch, nur ihre
Muttersprache das Berbische Tarifit ist die einzige Sprache, die sie kann.  Es ist für mich so frustrierend und so
schmerzhaft, dass es kein Software gibt, das mir dabei helfen könnte! Ich
möchte nur wie jeder andere auch mit meiner eigenen Mutter, mit meinen
Familienangehörigen reden können, kann aber nicht, nicht zumindest solange es
ein Software geben wird, das Texte auch ins Berbische Tarifit übersetzt und die
Texte auch in dieser Sprache vorliest.   Teilweise hatte ich auch bei der Reise
technische Probleme: die Lautstärke meines Handys war zum Beispiel so leise,
dass man nichts hören konnte und einmal passierte es, dass zur richtigen Zeit,
mein Handyakku leer gegangen war.  Jetzt
habe ich es vor, bei meiner nächsten Reise nach Marokko all diese technischen
Aspekte besser auszudenken.

 

Es ist immer sehr
interessant zu sehen, wie die Menschen auf den Talker reagieren und wie die zum
Beispiel reagieren, sobald sie plötzlich und unerwartet durch eine Computerstimme
angesprochen werden. Viele verstummen eigentlich, wissen einfach nicht, wie sie
darauf reagieren sollen.

 

Manche bekommen
mit, was ich zu sagen habe, wenden sich dann aber direkt an meinen Betreuer zum
weiteren Reden, falls er bei der Situation dabei ist.  Oft bekomme ich das Gefühl für andere Leute
einfach nur Luft zu sein. Das kommt immer vor, wenn sich jemand statt an mich
zu wenden, an meinen Betreuer wendet, und das um Angelegenheiten zu besprechen,
die mit mir zu tun haben!  Darum gehe ich
zum Beispiel immer am liebsten alleine zum Arzt, oder zu anderen Situationen, denn
sonst spricht er einfach nur mit meinem Betreuer und nicht direkt mit mir.

 

Was mich einmal
sehr sehr gestört hat, ist als man mich gefragt hat, ob meine Behinderung
ansteckend ist. Das ist mir schon zwei drei Mal vorgekommen. Das war jedes Mal
eine große Enttäuschung für mich denn was ist dann für eine Frage?!!

 

Und dann gibt es
auch Leute, nicht so viele vielleicht wie ich es gern hätte, die dagegen direkt
über das Talkergerät begeistert sind und dann gern mit mir darüber sprechen
möchten, um sich erklären zu lassen, wie es funktioniert, etc.

 

Also man kann
niemals wissen, wie eine Person reagieren wird, sobald sie eine Computerstimme
hört. Es ist einfach mal so mal so.  Fakt
ist, dass für mich eine Person anzusprechen immer einen gewissen Mut erfordert.

 

Mein festes
Vorhaben ist allerdings, mich niemals mehr von einer Situation, einem kleinen
Misserfolg, von einer Absage oder von jemandem entmutigen zu lassen und einfach
meinen Weg zu gehen und an mich selbst zu glauben. Demnächst habe ich zum
Beispiel vor einen neuen moderneren leichteren Laptop zu kaufen, der mir
bessere Chancen gibt, jedes Mal zu kommunizieren, wenn ich nicht meinen
Power-Talker bei mir haben kann.
Dasselbe habe ich auch durch eine bessere Benutzung meines Handys vor,
und im Allgemeinen der vielen Möglichkeiten, die uns allen das Internet
ermöglicht.  Diese positive Haltung
möchte ich weiter und weiter entwickeln und auch allen Personen, die wie ich
eine Sprachbehinderung haben, weiterleiten.

 

Ich danke Ihnen
fürs Lesen!

 

Fikria

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