MEINE
TALKERSTUNDEN MIT JULIAN

Ich habe Julian
und seine Mutter vor etwa vier Jahren kennen gelernt und das war ein großes
Glück für mich.

Es war auf einem
Vortrag, den ich gerade in Bochum hielt.
Es waren Lehrer da und deren Eltern. und ein Talker-Nutzer

Der Julian war
auch da und ich habe bemerkt, wie er mit seinem Talker einfach wahllos auf die
Tastatur druckte. Seine Mutter versuchte ihn ruhig zu halten, aber er fuhr mit
dem wahllosen Drucken fort. Seinen Talker hatte Julian schon seit einigen
Jahren, aber niemand hatte ihm etwas beigebracht und so konnte er mit dem
Talker nichts machen, außer darauf wahllos drucken.

Am Ende meines
Vortrags habe ich all meinen Mut zusammengenommen und ich habe Julian und seine
Mutter angesprochen.  Ich habe mich
zuerst vorgestellt und dann sind wir ins Gespräch gekommen.  Zum Schluss habe ich seiner Mutter meine
Visitenkarte gegeben und wie ein Wunder hat sie sich ein paar Wochen später bei
mir gemeldet.  Und genau seit diesem Tag
sind wir in Kontakt, nunmehr schon etwa vier Jahre.

Seitdem hat der
Julian große Fortschritte gemacht, sogar seine Mutter ist sprachlos, wenn sie
merkt, wie froh sich ihr Sohn immer wieder mit dem Talker beschäftigt und
welche Fortschritte er beim Ausdrücken einiger Wünsche macht. Wie an dem Tag,
wo er plötzlich einen gesamten Satz völlig
von selbst gebildet hat. Seine eigene Mutter war selber baff, als er
mich plötzlich fragte: „fährst du heute Fahrrad?“.  Wir waren beide wirklich sprachlos, oder als
er auf einmal den Satz „Ich möchte essen“ auf dem Talker bildete.

All die Jahre
davor hatte er einfach nur wahllos auf der Tastatur gedruckt und so, obwohl er
schon über fünfzehn Jahre einen eigenen Talker gehabt hatte, konnte er damit
wirklich nichts machen und nichts kommunizieren.  Es war einfach keiner da, mit dem er geduldig
das Bilden von Sätzen üben konnte.

Seitdem wir uns
kennen, macht er ständig Fortschritte, er hat Spaß am Lernen und immer große
Freude, wenn er es schafft, einen ganzen Satz zu sagen.  Er kann zum Beispiel jetzt Personen begrüßen
und ihnen „Hallo!“ sagen und er kann auch hinzu die Namen sagen, der Personen,
die er begrüßen möchte.  Und das gibt ihm
große Freude.  Jedesmal ich zu ihm komme,
begrüßt er mich mit dem Satz: „Hallo Fikria!“.
Das kann er erst seit einem halben Jahr.
Wichtig ist, das immer wieder zu üben.
Durch das Üben klappt es vieles, viel mehr als man denkt.

Alle Menschen,
auch Personen die wie Julian gravierend eingeschränkt sind, haben ein großes
Potential und können jeden Tag etwas Neues lernen, selbständiger werden und die
Freude erleben, etwas, was ihnen am Herzen liegt, zu kommunizieren. Das hilft
jedem sehr, sich weniger einsam zu fühlen, mehr in Kontakt zu anderen Personen
zu sein.

Wir haben mit
Geduld geübt, ich habe ihn zum Beispiel gefragt: „Was sagt man, wenn man etwas
essen will?“ Und ich habe ihm gezeigt, wie man durch den Talker einen Satz wie
„Ich möchte essen“ sagen kann.  Und
danach haben wir geübt und geübt.

Oder ich frage
ihn: „was sagst du, wenn du am Computer schreiben möchtest?“.  Und auch da kann er jetzt nach viel Übung
sogar einen ganzen Satz bilden und sagen: „Ich möchte mit dem Computer
schreiben“.

All das brauchte
für lange Zeit richtige Übung, aber jetzt ist er in der Lage von selbst auch
drei vier Sätze fehlerfrei ausdrücken.
Manchmal verdruckt er sich, aber das kann man auch verstehen.

Sehr wichtig,
meistens rede ich zuerst einmal mit ihm und versuche zu verstehen, was ihm
gerade in diesem Moment interessiert.  Und
wenn er zum Beispiel etwa „Auto“ sagt, dann stelle ich ihm Fragen zum Thema
Auto, so etwas wie „Bist du Auto gefahren?“ oder „Möchtest du Auto fahren?“
sage. Und darauf kann er „Ja“ oder „Nein“ antworten und so am Gespräch
teilhaben.  Und dann helfe ich ihm
langsam einen ganzen Satz zu bilden.

Dann sage ich zu
Julian etwa: „Dann bist Du heute mit dem Auto gefahren.  Versuch das mit einem Satz zu sagen“, und ich
helfe ihm dabei immer Stück für Stück den Satz zu sagen. Zuerst „Ich bin“, dann
„Ich bin heute“, dann „mit dem Auto“ und zum Schluss  „Ich bin heute mit dem Auto gefahren.  Dann sagt er die Sätze nach und wir üben
mehrmals diesen Satz.  Und zum Schluss
bitte ich ihn, den ganzen Satz zu wiederholen.

Und das kommt
auch mit dem Spielen vor: Ich merke immer wieder wie gern er spielen möchte.  Denn es ist immer wichtig, über Dinge die ihn
interessieren zu sprechen. Also habe ich mit ihm lange Zeit den Satz: „Ich
möchte spielen“ geübt.  Und jetzt kann er
den Satz fehlerfrei sagen!

Er weiß, dass,
wenn er diesen Satz sagt, dann fangen wir auch an sofort zu spielen. Und wenn
er den Satz sagt, „Ich möchte mit dem Computer schreiben“, dann fangen wir an,
mit dem Computer zu spielen und zu schreiben.
Es ist natürlich sehr wichtig, dass er merkt, wozu die verschiedenen Sätze
dienen und dass ein Satz auch zu einer bestimmten beliebten Aktion führt. Und
es ist auch sehr wichtig, dass er kommunizieren kann, was er wünscht.

Wenn er zum
Beispiel sagt, „ich möchte ein Buch lesen“ und niemand gibt ihm ein Buch und
liest mit ihm, dann verliert es schnell die Lust und das Interesse am Lernen.
Also sobald er den Satz „ich möchte ein Buch lesen“ sagt, dann bekommt er von
mir sofort ein Buch und wir fangen an etwas zu lesen.

Julians Mutter
ist oft wirklich baff darüber, was ihr Sohn jetzt in der Lage ist, von selbst
zu kommunizieren.  Oft verdruckt oder
vertut er sich natürlich noch, aber das passiert mir ja auch.  Gar nicht schlimm, auch durch Fehler kann man
lernen.   Hauptsache es macht Spaß!  Gerade deswegen versuche ich den Unterricht
immer mit viel Spaß zu verbinden, damit er sich schon im voraus darauf
freut.  Denn Lernen an sich kann auch
nicht lustig sogar langweilig sein, aber lernen mit Spaß ist schön und hält
länger.

Diese
Fortschritte die ich, mit diesem Schüler der in Bochum lebt, im Laufe der Jahre
bemerkt habe, geben mir eine große Freude.
Seit letztem Juli gehe ich zweimal in der Woche zu ihm, davor ging ich
nur einmal die Woche. Und je häufiger ich ihn sehe, desto größer sind die
Fortschritte die ich und seine Mutter bemerken.

Die Momente, die
ich mit Julian verbringe, geben mit große Freude.  Julian ist sympathisch, freundlich uns sehr
motiviert und er freut sich immer über meine Besuche.  Und er hat eine seltsame Fähigkeit, ich kann
an einem Tag auch traurig, oder nervös, oder besorgt, oder müde sein, aber
sobald ich Julian sehe, vergesse ich all meine Sorgen und meine Stimmung
bessert sich immer sofort. Ich fühle mich wohl bei ihm und spüre klar dass
meine Talkerstunden nützlich sind, dass sie ihm Spaß machen, und mir auch!Fikria Aabbaz

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