Salzgitter
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ihre Stimme

Karen Fröhlich
Jonas, Rudi, Maurice (hinten), Lehrerin Christiane Riechers, Fikria Aab-baz, Lehrerin Nadine Franke und Timo (von links) arbeiten mit Talkern.

Foto: Bernward Comes
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Fikria Aab-baz (27) ist stumm. Sie lernte erst spät den Umgang mit dem Talker und möchte ihr Wissen nun weitergeben.

Ohne Zettel und Bleistift wagte sich Fikria Aab-baz nie aus dem Haus. Nicht etwa, weil sie gerne Dinge notierte. Zettel und Bleistift waren mehr für sie. Sie waren überlebenswichtig, weil sie ihre Stimme ersetzten. Eine Gehirnhautentzündung hatte sie ihr bereits im zarten Alter von zwei Jahren genommen. Mund und Rachen sind seither taub.

Fikria Aab-baz wuchs heran, ging zur Schule für Körperbehinderte. Oft sei sie verzweifelt gewesen, weil Missverständnisse zu ihren ständigen Begleitern wurden. In ihrem Frust habe sie manches Mal reagiert, wie man es nicht durfte. "Ich wusste das, aber ich bin doch nur stumm –nicht dumm. ", sagt sie.

Die Wende kam vor sieben Jahren. Fikria Aab-baz legte ihren Widerwillen gegen den Talker ab, verbannte Papier und Bleistift in die Schublade. Und siehe da, es ging bergauf.

Talker sind Computer, die Menschen wie Fikria Aab-baz Kommunikation ermöglichen. Unter der Tastatur der mehrere tausend Euro teuren Geräte verbergen sich nicht nur Buchstaben und Zahlen, sondern auch individuell programmierbare Worte, Passagen oder sogar ganze Sätze. Die Tasten lassen sich mit Fingern oder durch Augen- und Kopfsteuerung bedienen.

Fikria Aab-baz lässt ihre Finger über die Tastatur fliegen. Eine Unterhaltung mit ihr kennt keine überlangen Pausen. Es sei nicht einfach, sich in alle Tiefen des Talkers hineinzufuchsen, gibt die 27-Jährige unumwunden zu. Wenn der Redefluss anfangs noch oft ins Stocken gerate, sei es auch für Lehrer, Therapeuten und Angehörige nicht ohne, immer Geduld zu bewahren. "Doch es lohnt sich."

Um diese Erkenntnis, die sie selbst "viel zu spät" erlangt habe, weiterzugeben, ist die Tochter marokkanischer Eltern auf Einladung der Lebenshilfe aus ihrer Heimatstadt Essen nach Gebhardshagen gereist. Ihre einwöchige Motivationstour führt sie durch alle Klassen der Tom-Mutters-Schule. Etwa ein Drittel ihrer Schüler besitzt heute elektronische Sprechhilfen, die sie mehr oder weniger gut bedienen können. "Wenn sie es aber tun, staunen wir oft darüber, welches intellektuelle Potenzial in unseren Schülern schlummert", sagt Schulleiter Harry Albeck.

Fikria Aab-baz ist längst eins geworden mit ihrer elektronischen Stimme. Seit Neuestem lernt und spricht sie Englisch mit ihr und hält sogar Vorträge–kurzum Fikria Aab-baz ist Schülern ein leuchtendes Vorbild und Eltern und Lehrern eine gute Beraterin.

Schnell hat sie beispielsweise bemerkt, wie sich der spastisch gelähmte Maurice um den Talker herummogeln kann, weil seine Gesten schon vorher gedeutet werden. Ihr Tipp an Maurice’ Lehrerin Christiane Riechers: "Geben Sie ihm nur zu essen, wenn er mit dem Talker darum bittet. Das ist zwar unbequem, wird ihn aber weiter bringen." Wie recht Fikria Aab-baz hat, zeigt sich schnell. Maurice hat das Gespräch offensichtlich aufmerksam verfolgt und meldet sich plötzlich grinsend zu Wort. "Joghurt, Joghurt, Joghurt", lautet sein unüberhörbarer Wunsch.

Weitere Stationen Aab-baz’ Aufenthalt sind das Lebenshilfe-Wohnheim und die Herman-Nohl-Berufsschule für Gesundheits- und Sozialberufe in Hildesheim. Der Besuch der Beschützenden Werkstatt in Hallendorf, wo sie sich spontan mit einer jungen Talkernutzerin zu einem Stadtbummel verabredete, war ihr ein besonderes Anliegen. Die 27-Jährige ist selbst in einer solchen Werkstatt beschäftigt. Ihre Arbeit, "wenn es denn überhaupt welche gibt" fordert sie nicht. Fikria Aab-baz, die Kämpfernatur, mag sich damit nicht zufrieden geben. Auch damit nicht, dass nach der Schulzeit die Talkernutzung häufig nicht weiter gefördert wird. Die zierliche junge Frau träumt davon, als Talker-Lehrerin und -Beraterin durch die Lande zu ziehen. "Das macht Sinn", ist sie überzeugt.

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