Mein Name ist Fikria Aabbaz, ich wurde 1983 in Marokko geboren und wohne in Essen.
Ich möchte über mich und meine Kindheit erzählen, an was ich mich noch erinnern kann:
 
 
Als ich zwei Jahre alt war, emigrierte meine Familie nach Deutschland. Kurz darauf erkrankte ich an einer Gehirnentzündung namens Herpes-simplex-Enzephalitis.
 
 
Ich bin gesund in Marokko geboren. Als ich zwei Jahre alt war bin ich mit meiner Familie mit dem Flugzeug nach Deutschland gekommen. Damals wurden viele Mitarbeiter aus dem Ausland gesucht, dadurch hat mein Vater eine Arbeitsstelle als Gastarbeiter in einem Fisch Geschäft bekommen und meine Familie nach und nach aus Marokko nach Deutschland geholt, wo wir alle einen Pass bekommen haben. Als ich mit meiner Mutter und meinen Geschwistern im Flugzeug war, wurde ich auf einmal krank. Ich musste zur Behandlung eine Zeit lang ins Krankenhaus. Ich kann mich noch gut daran erinnern, dass meine Eltern mich täglich im Krankenhaus besucht haben und mir Essen vorbei gebracht haben. Bei der Untersuchung im Krankenhaus wurde festgestellt, dass ich durch einen Virus, namens Herpes-simplex eine Gehirnhautentzündung bekommen hatte (Enzephalitis). Auf Grund der Schwere dieser aggressiven Virusinfektion, verläuft diese Erkrankung oft tödlich.
 
 
Die Erkrankung war für meine Familie eine schockierende Nachricht, unter der sie extrem litten - war ich doch zuvor ein lebhaftes und kerngesundes kleines Mädchen. Ich war damals schon eine Kämpferin, doch die Infektion hinterließ ihre Spuren – und das nicht zu wenig. So musste ich im Krankenhaus das Laufen neu erlernen und erlitt als Folge der Infektion eine bis heute gebliebene Lähmung im Mundbereich. Diese Lähmung zeigt sich in Schluck- und Kaustörungen, sowie in Bewegungsstörungen von Lippen und Zunge. Was für andere Menschen eine Selbstverständlichkeit ist, fällt mir dadurch extrem schwer: Essen, Trinken und verständliches Sprechen.
 
 
Ich denke nach ungefähr ein bis zwei Monaten wurde ich aus dem Krankenhaus entlassen. Mit 3 oder 4 Jahren kam ich dann in den Kindergarten. An eine Situation kann ich mich noch gut erinnern: Wir sind nach Marokko geflogen und kamen einige Tage später zurück, als die Schule in Deutschland bereits begonnen hatte. Mein Vater hat mich dort hingebracht und diese Situation habe ich noch bis heute im Kopf. Er brachte mich in die Klasse, als der Unterricht schon angefangen hatte. Wir kamen also etwas zu spät in die Klasse und mein Vater stellte mich der Lehrerin vor. Er hat mir die Schultasche gegeben und ging. Die Lehrerin stellte mich den anderen Schülern vor und ich setzte mich auf einen Platz und nahm am Unterricht teil.
 
Die Jahre habe ich mit mein Mund geredet, auch im Kindergarten. Ich kann zwar sprechen, aber es erfordert gefühlte 1.000 Wortwiederholungen, bis mein Gegenüber mich versteht. Das ist für beide Seiten sehr anstrengend und frustrierend zugleich.
 
 
Meine Schulzeit war eine sehr harte Zeit. Mein Vater musste oft zu Gesprächen kommen, da ich oft Unsinn in der Schule machte. Da mich keiner versteht, habe ich mich anders zu verständigen gegeben und zwar körperlich. Ich war oft verzweifelt, weil ich von anderen geärgert wurde und ich immer die Schuld bekommen habe, obwohl ich nichts gemacht hatte. Meistens konnte ich mich nicht richtig ausdrücken und bekam deswegen die Schuld!
 
Als ich jugendlich war, wurde ich oft von meinen Mitschüler ausgelacht, da ich durch meine Behinderung am Mund nicht richtig essen und schlucken kann und mir das Essen wieder herausfiel, ich habe gegessen wie ein Baby und meine Sachen voll gekleckert. Meine Mitschüler hatten nichts Besseres zu tun, als mich auszulachen! Immer wenn die Lehrer weg waren, war mein Leidensweg sehr schlimm und ich wurde immer wieder gemobbt. Allmählich wurde ich immer mehr isoliert und wurde zum Außenseiter.
 
Was ich in diesen Jahren erlebte, hat mich in meinem späteren Leben sehr geprägt.
Dass ich beim Essen ausgelacht wurde, kam leider nicht nur einmal vor, es wiederholte sich immer wieder. In meinem Inneren staute sich oft unheimliche Wut an und dann bin ich explodiert, dies zerreißt mich sehr. Dann habe ich nach und nach aufgehört vor anderen zu essen. Ich kann mich noch gut daran erinnern, dass ich mich oft in den Pausen in der Toilette eingeschlossen habe und dort mein Toastbrot gegessen habe. Oft wenn ich es nicht auf der Toilette geschafft habe mein Toastbrot aufzuessen, habe ich es mit nach Hause genommen und unter meinem Bett versteckt. Das habe ich gemacht, um keinen Ärger von meiner Mutter zu bekommen. Irgendwann, ich bin mir nicht mehr sicher, ob es meine Mutter oder meine Schwester war, wurden die Brote unter meinem Bett gefunden und ich wurde gefragt was das soll. Ich sagte, dass ich keinen Hunger hatte und es deswegen unter dem Bett versteckt habe, damit ich keinen Ärger bekam.
 
 
Ein anderer Vorfall an den ich mich noch gut erinnern kann war, dass ich mir von meinem Taschengeld Joghurt gekauft habe. Das Joghurt habe ich immer heimlich gegessen, wenn ich alleine zu Hause war. Ich habe immer auf die Uhr geschaut und hatte die Bus Zeiten im Kopf. Während ich das Joghurt aß, habe ich immer aus dem Fenster gesehen, ob meine Mama wiederkommt. Alle 10 Minuten, wenn ein Bus kam habe ich geschaut, dass keiner kommt. Das hat eine Zeit lang geklappt, bis ich eines Tages wieder Joghurt gekauft habe. Diesmal wurde ich von meiner Mutter und meiner Schwester überrascht, ich hatte das Joghurt in der Hand und habe es schnell hinter der Eingangstür versteckt. Als sie die Tür zu machten, entdeckten sie das Joghurt hinter der Tür und fragten, wieso das Joghurt dort steht. Was danach passiert ist, weiß ich nicht mehr.
 
 
Von Mitschülerinnen und Mitschülern folgten Attacken, in der Schule hetzten die anderen gemeinsam gegen mich. Ich wurde oft ausgelacht, weil ich nicht reden kann und wurde von den anderen gehänselt und meine Art zu sprechen wurde von den anderen nachgemacht.
Meine Wunden rissen immer weiter auf. Das hat mich sehr mitgenommen, 
ich konnte mich nicht wehren. Als sie zu weit gegangen sind, habe ich mich körperlich gewehrt. Ich weiß, dass das nicht richtig war, aber wie sollte ich mich denn wehren? Die haben mich psychisch kaputt gemacht und immer wieder ausgelacht und mir immer wieder an allem die Schuld in der Schule gegeben, da ich nicht reden konnte!
Ich war immer schon isoliert und eine Einzelgängerin.
 
 
Stell dir vor, du bist irgendwo und niemand sieht dich an. Du bist behindert und sie lassen es dich merken. Die ganze Schikane, damit du ja nicht zu ihnen hin willst und ihnen nahe kommst. In der Schule wurde ich von meinen Klassenkameraden gehänselt und unterdrückt. Mir war klar, dass die sich mit mir nicht abgeben wollten. Eine ganze Schulzeit, ohne dass mal einer zu mir hingesehen hat!
 
Wenn sie mal Interesse an mir hatten, dann nur um mich zu verletzen. Irgendwann haben sie das auch erreicht. Meistens sagten sie Sachen wie: „Du sabberst, warum sabberst du eigentlich immer?“ und „Rede mal ordentlich!"
 
Vielleicht war ich nicht mutig genug, weil ich dachte, sie sind hübscher als ich, ich war einfach zu schüchtern und zurückhaltend.
schämen sich viele wieden mir dahier da kein immer saß ich alleine in der Ecke rum und war sehr traurig.
 
Ich gehe immer davon aus, dass die anderen mit mir nichts zu tun haben wollen, darum traue ich mich nie, irgendjemand in den Pausen anzusprechen und das Sprechen fiel mir schon immer schwer. Das hat mich sehr gequält.
Mein gesamtes Leben lang bin ich schon allein, meine Einsamkeit ist nicht freiwillig. Nach außen hin denken alle, dass alles in Ordnung ist, aber nicht in meinem Inneren.
 
 
 

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